#Mein Brief an mich – Der lange Weg vom Kinderwunsch

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#Mein Brief an mich – Der lange Weg vom Kinderwunsch

Liebe Düse,

hier schreibt Dir die Zukunftsdüse aus dem Jahr 2015, die gerade auf der Rücksitzbank eures Familienkombis eingequetscht zwischen einem Kindersitz und einem Maxi Cosi sitzt und Dir diese Zeilen in ihr Smartphone tippt.

Liebe Düse aus dem Jahre 2012:
Es tut mir unendlich Leid, dich auf deinem Bett liegen und bitterlich weinen zu sehen.
Es war ein Scheissjahr.
Du darfst weinen.
1 Jahr Kinderwunschbehandlung liegt hinter Dir.
1 Jahr erfolglose Kinderwunschbehandlung.
1000-de Spritzen, die Du Dir trotz Nadelphobie in den Bauch gerammt hast, unzählige Untersuchungen, die alle immer nur noch größere Baustellen eurer Körper offenbart haben; mehrere tausend Euro, die ihr dafür bezahlt habt.
Und trotzdem war all das nichts im Vergleich zu der seelischen Belastung.
Das Hoffen und Bangen.
Den Hass auf den eigenen Körper, der sich so querstellt.
Das Vertrauen in die Natur, das man komplett verloren hat.
Das Zweifeln an sich selber.
Die Angst, niemals ein Kind im Arm zu halten; nie das Wort „Mama“ aus einem kleinen Mund zu hören.
Die Stiche im Herzen, wenn schon wieder jemand aus Deinem Bekanntenkreis schwanger geworden ist, einfach so.
Diese gottverdammten Schwangerschaftstest, die immer und immer wieder nur einen Strich anzeigen.

Liebe Düse, ich erinnere mich genau, wie du zusammengerollt auf Deinem
Bett gelegen, aus dem Fenster geschaut und mit der Seele, die dort oben noch unterwegs war, geredet hast.
Du hast ihr erzählt, dass ihr auf sie wartet.
Das sie noch erledigen soll, was sie zu erledigen hat, bevor sie zu euch kommt.
Du hast ihr erzählt, dass Du sie jetzt schon unendlich liebst.

Du wolltest Deinen Worten so gerne selber glauben.

Wenn Du doch nur hören könntest, was ich Dir zu sagen habe, liebe Düse.
Es würde Deine Tränen sofort trocknen.
Dass der nächste Zyklus, die ICSI, erfolgreich sein wird.
Dass die Seele zu euch kommen wird.
Ein kleines Mädchen.
Dass Du bei ihrer Geburt von einer auf die andere Sekunde unsterblich in sie verliebt sein wirst und du auf der Stelle für sie sterben würdest.
Dass Du wochenlang vor Freude und Dankbarkeit weinen wirst.
Und dass Du, nur 13 Monate nach der Geburt, erneut einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen halten wirst.
Dass diese Schwangerschaft spontan und ohne Behandlung entstanden ist.
Dass Du Deinem Körper wieder vertrauen wirst.
Dass er Dir eine zweite, wunderbare Tochter schenken wird.
Das Du wieder an Wunder glauben wirst.

Die dunkelste Stunde ist die vor dem Sonnenaufgang, liebe Düse.
Lass Dich in den Arm nehmen.
Wein Dich aus, lass alles raus.

Eines Tages, in der Zukunft, wirst Du auf der Rücksitzbank eures Familienkombis eingequetscht zwischen einem Kindersitz und einem Maxi Cosi sitzen und Deine beiden Töchter beim Schlafen beobachten.
Du wirst Dir eine Träne aus dem Auge wischen, weil Du unglaublich dankbar für genau DAS HIER bist.
Und dann wirst Du verstehen.
Es musste alles genau so sein, damit heute alles ist, wie es ist.

Die Seelen haben ihren Weg gefunden.

Diesen Beitrag habe ich als Beitrag zur Blogparade Mein Brief an mich vom hebammenblog.de geschrieben.
Die Idee dahinter finde ich grandios und ich werde mir ab jetzt wohl öfter mal einen Brief schreiben, denn es gibt noch einiges, was ich mir gerne sagen würde… 😊

  1. Wunderschön! Auch ich habe Tränen in den Augen. Manchmal wäre eine Glaskugel, was tolles, oder? Dann hättest du damals gewusst, wieviel Glück noch auf dich wartet. Doch auch der Schmerz ist es, der uns formt…und noch viel mehr das Glück. Toll, dass es jetzt zu dir gefunden hat.

    1. Danke für Deine lieben Worte. ❤
      Ja, da hast Du recht.
      Hätte ich damals gewusst, dass alles gut wird, wäre alles so viel leichter gewesen.
      So stand immer das riesige „WIRD ES JEMALS KLAPPEN?“ im Raum, was mich so ohnmächtig und hilflos gemacht hat.
      Heute bin ich überzeugt davon, dass ich diesen Weg gehen musste.

  2. Ich bin zwar (noch?) keine Mama, aber dein Text hat mich trotzdem sehr berührt. Und im Leben passiert es ja sehr oft, dass man sich nach etwas sehnt, unerfüllte Wünsche hegt oder traurig ist, weil einem etwas fehlt. Und ebenso oft kommt das Ersehnte dann mit der Zeit ja doch noch zu einem oder manchmal findet man etwas noch Schöneres als das, wovon man geträumt hat. Das Leben ist voller Überraschungen und das ist etwas sehr Wunderbares ☆☆

  3. Diesen Brief hätte ich fast Wort für Wort genauso schreiben können. Nur dass wir bei unserer ICSI gleich Zwillinge bekamen und ich keine 12 Monate später völlig unerwartet einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielt. Der Mini krabbelt heute mit 11 Monaten fröhlich durch die Gegend 🙂

    1. Wow, wie wunderschön!
      Ich finde es immer wieder toll, so etwas zu hören! 😊

      Ich ziehe meinen imaginären Hut vor Dir – 3 kleine Mäuse?!
      Wie hast Du das geschafft?

      Und wart ihr auch erst so geschockt über den positiven Test?
      Ich konnte es ja bis zum ersten Ultraschall nicht glauben. 😆

      1. Ich habs lustigerweise sofort geahnt, als es passiert ist. Die ersten Schwangerschaftstests waren noch negativ, ich wusste aber dass ich meinem Gefühl vertrauen kann, trotz der vielen Enttäuschungen bei den Zwillingen. Aber es war dennoch ein Schock, natürlich – wer hätte denn damit jemals wirklich gerechnet ;-). Wir hatten Gott sei Dank das Glück, dass der Mini im Grunde ein sehr entspanntes und pflegeleichtes Baby war und ist. Insofern hat er es uns wirklich leicht gemacht. Aber die 11 Monate, wo ich mit allen dreien allein zu Hause war, weil ich für die Großen keinen Kita- oder Tagesmutterplatz bekam, war durchaus kräftezehrend und ich bin jetzt dankbar für die Entlastung! Zu schaffen ist es ja am Ende immer irgendwie 😉

      2. Aber hätte man mir im März 2012, meinem wirklich dunkelsten und verzweifeltsten Monat kurz vor der ICSI, erzählt, dass ich nur 2,5 Jahre später 3 Kinder haben sollte, ich hätte ihm einen Vogel gezeigt *lacht*

  4. Liebe Düse, was für ein toller Beitrag. Da steckt so viel Hoffnung und Zuversicht in Deinen Zeilen…beides fehlt mir von Zeit zu Zeit und ich hoffe und bete, dass ich irgendwann einmal auch so einen Brief an mein heutiges Ich schreiben kann. Es ist toll, dass sich alles so wundervoll gefügt hat.
    Liebste Grüße, FrauBitte

    1. Liebe Frau Bitte,
      ich hätte mir selber nie träumen lassen, eines Tages diesen Brief zu schreiben.
      Ich habe immer gehofft, dass eines Tages alles gut sein wird, aber mit jedem weiteren „negativ“ wurde ich verzweifelter und ich habe mich stellenweise selbst verloren.

      Zwischen tiefer Traurigkeit und dem berauschenden Glücksgefühl lag tatsächlich nur ein Strich.
      Der zweite Strich auf dem von mir sonst so verhasstem Schwangerschaftstest.

      Ich drücke Dir ganz fest die Daumen, dass euer Seelchen auch schon auf dem Weg zu euch ist und Du schon ganz bald auch einen Brief verfassen kannst. ✊🍀

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